FliegenFalter zum Downloaden

Es ist natürlich keine Frage, dass diese elektronischen Nachbauten nicht an die handlichen, gedruckten Originale heranreichen können, die ihren Leserinnen und Lesern zum Beispiel die 10-minütige Straßenbahnfahrt zur Arbeit verschönern. So dienen diese ausdruckbaren eher als Ersatz für Eilige, die echten FliegenFalter sind natürlich nach wie vor bei den Lesungen, bei den Autorinnen und Autoren und natürlich jederzeit bei den Fliegenköpfen erhältlich.

Zum Download der PDF-Dateien mit rechter Maustaste auf das Bild links neben dem gewünschten Text klicken. Je nach Browser und Betriebssystem kann es auch notwendig sein, statt des Rechtstastenklicks die Maustaste zusammen mit gedrückter Ctrl.-Taste oder der Apple-Taste (Macintosh) zu betätigen.



Hauke Voss Mitten im westfälischen Kernland, dort, wo die Bauern am dümmsten und die Kartoffeln am dicksten sind, steht das Hagener Heimathaus und wer immer den Heimatsaal des Hagener Heimathauses betritt, wird an dessen Wänden eine Handvoll Ölgemälde von »E. Wimmer« hängen sehen: »Rehkitz im Gegenlicht« heißt eines davon, »Müder Wandersmann« ein anderes, »Birkengruppe am See« ein drittes.
Es ist nur ein kleiner Teil des Wimmer’schen Œuvres, ich aber kenne auch den ganzen Rest, denn E. Wimmer war mein Großvater und er verbrachte seinen Ruhestand mit der Anfertigung rettungslos kitschiger Heimatbilder, die zeigten, dass sich sein Kunstverständnis aus denselben bräunlich-völkischen Quellen speiste wie so viele seiner Ansichten. Den albernen Ausspruch, Kunst käme von Können und nicht von Wollen – denn sonst hieße sie ja Wunst, mein Junge – habe ich zum ersten Mal von ihm gehört, und er richtete sich gegen Onkel Ernst.

(Download 96 kB)
Robert Kayser Ich saß auf meinem Balkon und versuchte, eine Klorollenmütze zu häkeln, als ein lautes Hupen meine Konzentration störte. Irgendein Autofahrer wollte auf sich aufmerksam machen, weil ihm irgendetwas missfiel. Und weil es ihm ein Anliegen war, dass alle Anwohner der Straße davon erfuhren, hupte er noch ein zweites und drittes Mal.
Ich begann mich zu echauffieren und das war nicht gut, denn ich musste mir eine positive, offene Stimmung bewahren. Düstere, aggressive Stimmung übertrug sich sogleich auf die Gestalt der sowieso schon ziemlich misslungenen Klorollenmütze, eine Auftragsarbeit für das Büro Fugazzi, von deren Gelingen meine Reputation bei Dr. Fugazzi nicht unwesentlich abhing. Da jeder Hupton meine Stimmung weiter verfinsterte, verließ ich die Wohnung, um die Sache zu klären ...

(Download 100 kB)
Daniel Terek Seit Längerem vollzieht sich ein Wandel in deutschen Fußgängerzonen. Namen wie Karstadt oder Hertie, welche in meiner Kindheit Glamour und bezahlbaren Luxus versprüht haben, verschwinden und an ihre Stelle treten Betonklötze, die durch ihr dezentralisiertes Produktangebot die Leute in den Wahnsinn treiben. Die seelenlosen Klötze heißen Shopping Malls und waren bis vor ein paar Jahren nur den Konsumenten u.s.-amerikanischer Vorabendformate bekannt. [...]
Der folgende Text beschreibt, wie ich im Selbstversuch eine Mall betreten  und mich in den einzelnen Segmenten umgeschaut habe. Lesen Sie diesen Text und lassen Sie sich ihre Angst nehmen oder bestärken Sie Ihre Vorurteile.
Dies ist mein Opfer für die Welt.
Musikalische Untermalung: Black Flag – Gimme, Gimme, Gimme [...]

(Download 88 kB)
Thomas Bothor Früh schlafen gehen. Die Balkontür noch offen, kein Geräusch schaut mehr hinein. Denken, was wird. Er nimmt noch einen Schluck, er denkt, ich könnte jetzt denken, wofür. Er entscheidet sich dagegen. Der Mond halbstark irgendwo oben. Morgen zurück zur Arbeit, zur bekannten Welt. Wie kam es dazu?
Soll ich dich in den Arm nehmen, fragte sie vorhin. Ne, sagte er, er wusste nicht warum. Sie war ja da, es hätte auch alles gut sein können. Auf dem Tisch das fast leere Bier, ein Teller mit Kirschkernen. Ihre Zeitung. Eine Fliege, die immer wieder gegen eine Fensterscheibe stößt, ein rhythmisches Pochen, aber erfolglos. Geräusche aus der Küche, das vertraute Drohen des Wasserkochers, ein sich öffnendes Fenster. Willst du auch einen, fragt sie, sie fragt es nur so, denkt er, nur so, es ist eine Randbemerkung im Schweben durch diesen warmen, stimmenklaren Abend. Früh schlafen gehen, denkt er, einmal früh schlafen gehen. Und morgen irgendwie anders aufwachen. [...]

(Download 76 kB)
Axel Klingenberg Das gemeinsame Familienleben beginnt schon lange vor der Geburt des Kindes. Man ist nie mehr ganz allein mit der Dame seines Herzens. Auch die werten Mitmenschen lassen es sich nicht neh-men, einen spüren zu lassen, dass man jetzt Teil eines großen Ganzen ist – und dass man selbst nicht als dessen wichtigster Part angesehen wird.
»Wie geht es Anita?«, fragt man mich, anstatt zu fragen: »Wie geht es dir?« Zur Verabschiedung heißt es dann: »Schönen Gruß an Frau und Kind!« Dann drehen sie sich wortlos um. Mich begrüßt niemand und niemand lässt mich grüßen. Manchmal habe ich das Gefühl, unsichtbar zu sein. Dass wir von jetzt an eine Familie sind, merke ich auch daran, dass wir viel Zeit miteinander verbringen. Anita und das Kind hocken ja sowieso immer zusammen, aber manchmal werde auch ich in dieses traute Beisammensein einbezogen. Zum Beispiel heute: Da ist beim Geburtsvorbereitungskurs [...]

(Download 76 kB)
KappeBaltzerBothor Dass wir uns streiten, ist nichts Neues. Max war ja schon mit der Art unserer Fortbewegung nicht einverstanden: wenn’s nach ihm gegangen wäre, wären wir geflogen. Barnie wollte mit dem Schiff fahren – nur mit Mühe konnte ich die Beiden vom Zugfahren überzeugen; man zahlt weniger und sieht mehr von Land- und Stadtschaft; die saugt Barnie jetzt in sich auf, ruhig und am Fenster. Ich schaue ihn an. Wie er sich freut. »Da«, »Oh«, »Ein Schiff«, »Lastwagen«. Natürlich nichts zur Vegetation, die eigentlich Max‘ Thema ist. Der aber hat die Beine hochgelegt, auf seine obligatorische Zeitung, aus der vorzulesen er sich weigert, er schläft nicht, zumindest rückt er immer wieder den Kopf gerade, wenn der zur Seite sinkt. Er will stolz aussehen. Er ist stolz, und ich vergesse jedes Mal seine Augenfarbe, was kein Zeichen von mangelnder Liebe ist.  [...] (Download 76 kB)
Judith Simon-Graf Als sie damals an jenem denkwürdigen Morgen erwachte, spürte Sally zum ersten Mal dieses leichte Brennen auf der Stirn. Sie rieb ein wenig und nahm mit den Fingerspitzen kleine pickeligen Huckel wahr. Im Badezimmerspiegel sah sie dann die Schriftzeichen. Sie benötigte noch ein paar Sekunden, um der Umkehrung durch den Spiegel Folge zu leisten, las und erschrak.
Schlampe stand da. Auf ihrer Stirn. In gerötetem Ausschlag.
Sally wusch und salbte sich, fönte ihre Haare als Scheitel über die Stirn, versuchte einen Hut, fand ihn jedoch albern und unangemessen, nahm danach viel Makeup, bekam sofort Juckreiz, entfernte es wieder und meldete sich anschließend krank. Dann ließ sie Badewasser ein. ...
 (Download 75 kB)
Florian Brand Florian, du hast dich entschlossen, im Fliegenfalter keinen Text, sondern ein Interview abdrucken zu lassen.
Ja
Was meinst du, sollte ich dich fragen? Welche Antworten sind deine Besten?
Ich weiß nicht, mir wird schon was einfallen, frag einfach.
Du bist der Erste, der hier ein Gespräch einstellt, warum hast du dich für diese
Form entschieden?
Na ja, ich kann fast nach jedem Satz einen Absatz machen, also wenn der
Interviewpartner was einwirft.
Aha.
Dadurch komm’ ich schneller auf die zehn Seiten.
Verstehe. ...
 (Download 72 kB)
Jörg Borgerding Die erste Versuchung des Leander Paul Scholvag
Scholvag, noch recht jung an Jahren / (wie auch wir’s vor Weilen waren), / Welt noch ohne Zaun und Schranken, / Kopf randvoll mit Großgedanken / über Hegel, Kant und Zeit, / achtet nicht der feschen Maid.
»Na du - bist am flosofieren?«, / tat sie Scholvag kontaktieren. / Paul, gedankentief versunken, / hört erst gar nicht auf ihr Funken. / Jene, die nach Scholvag gierte, / trotz des Schweigens insistierte:
»Schöner noch als Großes denken, / ist: einander Liebe schenken – / kannst mir glauben, smarter Boy!« / Scholvag, dem dies Denken neu, / stellte fest: Die Deern ist kregel! / und vergaß Zeit, Kant und Hegel.
Später, so nach zwei, drei Stündchen, / ...
 (Download 72 kB)
Bernd Seestaedt Sehr geehrter Präsident Bush, sehr geehrter Herr Kerry!
Aufgewachsen an der Berliner Mauer, ein Kind der deutschen Teilung, Bernd
Seestaedt, Doktor der Informatik, ruft ein Wort in Ihren wogenden Wahlkampf. Ich liebe Ihr Volk, Ihr Land. Gern erinnere ich mich daran, morgens mit den Bankern von der Space Needle zur Downtown Seattles gewandert zu sein, deren fantastische Life Music Scene eben zu Ende ging. Ich habe schwarze Tränen geweint an jenem schrecklichen Septembertag.
In Ostberlin, im August 1961 stand mein Geschichtslehrer, 1,50 Meter hoch, mit seiner »Kalaschnikow« vor einem Haufen Steinwürfel, den man später den eisernen Vorhang nannte. ...
 (Download 113 kB)
Christoph Eyring Komisches Ding, was da seit Neuestem bei uns in der Uni rumsteht. Sieht aus wie ein Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn: Viereckiger Kasten, Schlitze zum Reinstecken von Plastikkarten, eine verchromte Tastatur, ein spiegelglattes Display. Alles in den Farben des inoffiziellen Hauptsponsors der Universität gehalten: rot-weiß wie Arbeitsamt. Er passt in das klassizistische Ambiente des stuckverzierten Universitätsgebäudes in etwa so, wie eine vom Denken tief zerfurchte Stirn in eine NPD-Wahlkampfveranstaltung, nämlich gar nicht ... (Download 80 kB)
Micha-El Goehre Einmal mehr war Donnerstag.
Und Donnerstags traf ich mich zum Kaffeetrinken mit Josef. Was zunächst wie das Hobby körperlich und geistig verfallender Rentenempfänger anmutet hatte seinen Ursprung in der Herkunft meines besten Freundes. Josef war Exil-Wiener und das, was man in den lokalen Gasthäusern als Kaffee angeboten bekam, bezeichnete er als »Brackwasser, das sogar der Klospülung peinlich wäre«1. Und obwohl Studenten, pflegten wir – wo möglich – eine Art gehobenen Lebensstils ...
(Download 92 kB)
Herbert Braun Schleppen Sie mir etwa schon wieder eine Grippe an?«, hatte meine Ärztin gefragt, bevor sie mich zum zweiten Mal in diesem Monat für eine Woche aus dem Verkehr zog. War mir beim ersten Mal die Verlängerung des Weihnachtsurlaubs gar nicht so unwillkommen gewesen, wollte ich diesmal wirklich gesund werden. Ich stellte meine mit Fruchtsäften, Obst, Bronchientee und Vitaminbomben gefüllten Einkaufstaschen im Flur ab und beschloss sogar, die grauenhaft schmeckenden Antibiotika vom letzten Mal brav aufzuessen, bevor ich mich erschöpft auf das Sofa rollte. (Download 72 kB)
Andy Strauß Als meine Frau mich in diese bestimmte Selbsthilfegruppe schickte, wusste ich nicht, dass es so besonders interessant werden würde. »Larry«, sagte sie und zog dabei ihre Augenbrauen fast bis an ihren Haaransatz, »Larry, geh da doch einfach mal hin. Vielleicht hilft Dir der Austausch. Vielleicht wirst du wieder wie früher.« Ich sträubte mich schon etwas, aber wenn Brandy etwas von mir wollte, dann tat ich meist besser daran, ihr zu gehorchen. Sie hat da sonst so ihre Mittel, füllt mir beispielsweise jeden Morgen Rizinusöl in den Kaffee oder versteckt meinen Lieblingsgolfball. (Download 72 kB)
Aniko Kövesdi Es läuft wieder nicht gut. Nein, wahrlich. Es läuft alles seinen Gang und völlig normal, bis alles stirbt im Normalen. Das Konto ist gedeckt, die Kollegen sind zufrieden. Das Projekt ist abgeschlossen und bereits auf dem Weg zum Auftraggeber. Die Sonne grinst mich an, und auf den Landungsbrücken Hamburgs haben auch die Möwen gute Laune. Mann, ich könnte jetzt auf der Stelle weg. Den nächsten Flieger zum Lago Maggiore oder in die Toscana nehmen. Die Einkaufsläden schauen mich wie Nutten an: ich könnte bei ihnen Geld loswerden und dafür auf meine Kosten kommen ... (Download 76 kB)
Maya Birken oktober – Mein Name ist Paul. Und ich fühle michwie der erste Mensch auf dieser Welt. Die Stadt in der ich lebe, erscheint mir unerträglich. Ich hasse sie, sie ist zu klein für mich und meine Vergangenheit. Aus der Kanalisation steigt der Kloakenduft der Ausscheidungen der 500.000 Menschen, die diese Stadt bewohnen. Der hupende Lärm tausender Kleinwagen, das Geschrei der Betrunkenen und Wahnsinnigen in der Nacht, unter meinem Fenster liebeskranke Katzen und nebenan mein Nachbar, der den Pornofilm zu laut gedreht hat. Aber dann. An einem der vier Dienstage die mir der Okober in diesem Jahr aufdrängen will, erreicht mich eine Mail von Dir. Und innerhalb von Stunden entwickelt sich Kommunikation und wir beginnen auf ziemlich alberne Weise miteinander zu reden. Das ist leicht. ... (Download 112 kB)
Elisabeth Brink Nie hatten meine Schwester Carola und ich etwas so Schönes gesehen Unsere Nachbarinnen Gloria und Wilma besaßen eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Die Längsseiten des Häuschens waren von zauberhaften Pflanzen- und Vogelschnitzereien umrankt und den Giebel zierte ein stattliches Geweih. Wenn sich die Tür dieses Zauberwerks öffnete, trat der Kuckuck heraus und verbeugte sich galant zum Kuckucksruf. Die Besitzerinnen dieses Wunders waren nur unter ihrem Vornamen bekannt und lebten in der einzigen miteinem Balkon ausgestatteten Wohnung des Blocks. Der ›Block‹ beherbergte die Unterschicht unserer Kleinstadt und war ansonsten alles andere als ein luxuriöses Domizil. (Download 112 kB)
Robert Stripling Blickfotografien, durch Zufälle von Kopfbewegungen, die durch hastiges Vorübergleiten in ihrer Regungslosigkeit verschwimmen, das heißt, nicht sprichwörtlich verschwimmen, sondern vielmehr verwischen oder zerschwinden, welche oft nur Wortmitschnitte bruchteiliger Momente zu plakatieren erlauben, lassen das Wahrnehmen an seine äußersten Grenzen stoßen, da sie beginnen, Dinge nicht mehr einfach nur für wahr zu nehmen – wahrnehmen heißt genau genommen nimmer anderes als das – sondern Dinge wahr sein lassen.
Sie leben nicht wie ein Blickfang, also wie der Einfang eines Blickes, der ohne zielorientiertes Jagen zufällige Sequenzen erhascht ... 
(Download 72 kB)
Marlene Stamerjohanns Maulwurf
mein Maulwurf wühlt im Gartenlaub / mit Maul und Hand viel Fragen auf / beständig muss er sich besinnen / denn blicken kann er nur nach innen / erst reckt er sich in voller Länge / dann kommt er langsam in die Gänge / und weil er einzeln geht den Gang / maulosophiert er nächtelang / wenn die Gedanken nicht gut laufen / wirft er sie alle über’n Haufen / weil er schon sieben Hügel hat / glaub ich, er ist ein Literat / und weil er mir so nahe steht / glaub ich, er ist ein Pop-Poet / er bracht heut Nacht vor meine Tür / den allergrößten Hügel mir / jetzt kauf ich ihm eine CD / und spiel Tschaikowskys Symphonee 
(Download 444 kB)
Kersten Flenter Ich war im Fitness-Studio, als ich die SMS von Bösenberg erhielt. »Dreh ’ne Reportage über Einbeinige im Knast, du Eimer, und zwar bis über-morgen, sonst geht deine Redakteursstelle ans Praktikanten-Prekariat.«
Der Ton dieser Aufforderung war eindeutig. Bösenberg war vor einer Woche zum Chefredakteur befördert worden und ließ seither keine Gelegenheit aus, dies herauszustreichen. Auf der Redaktionskonferenz Anfang der Woche war das Thema Mit einem Bein im Knast eines unter vielen möglichen für unser Boulevardmagazin, aber was Bösenberg jetzt damit vorhatte, war gelinde gesagt etwas anderes, wenn nicht gar »waghalsig« zu nennen ...
(Download 120 kB)
Markus Freise »This new century keeps bringing me down.« Ja, ich weiß. Ja, ich habe diese Zeile von Robbie Williams geklaut. Aber dieses verkackte Jahrhundert macht auch dich fertig. Das hast du mir mal gesagt. Und dann hast du gesagt, wir sollten tanzen gehen. Ich lächele dich an. Da sitze ich, die geklaute Krawatte mit Pinguinen und Schweinen drauf um den Hals gebunden, auf dem Stuhl am Rand der Tanzfläche und ich lächele dich an.
Dabei kann ich eigentlich überhaupt nicht gut falsch lächeln. Ich reiße dann meine Augen so weit auf, wie es geht, und ziehe einfach die Mundwinkel in Richtung Ohren, bis das Fleisch sich fast hinter den Backenzähnen nach innen wickelt ...
(Download 64kB)
Peter Märtens Ihr alten Drecksärsche möchte ich über die Wiese brüllen, wenn ich sehe, wie sie da zu zweit oder in kleinen und großen Gruppen aufeinanderhängen und sich amüsieren beim Frisbee- oder Hackesackspielen oder einfach nur chillen. Ihr Ärsche, denke ich, weil ich hier schon den ganzen Tag allein im Park sitze, obwohl meine Decke noch Platz hätte für ein paar Freunde, die ich aber anscheinend nicht habe. Ich sitze da also auf meiner Decke, die Beine untergeklemmt, den Blick in die Ferne streifend, beobachtend, sehe die Leute, wie sie sich ein Bier aufmachen und den Joint rumreichen und kann den Anblick nur schwer aushalten. (Download 68kB)
Finn-Ole Heinrich Herbst. Allein das Wort. Den fang ich immer mit Geburtstag an. Herbst dagegen ist Frühling Magerquark. Na klar, die Wolken, das Grau, ja, der Regen. Aber auch die satten Äpfel, die man auf Märkten suchen geht und die die Vorjahreszeit in sich aufgespeichert haben, die man sich jetzt würzig und süß in den Kopf beißen und auf der Zunge zergehen lassen kann. Herbst, das ist die Sommerernte. Im Herbst sitzen, Beine auf dem Tisch und den Gaumen voll Spätsommer.
Halt mal das Maul und mach die Nase auf, sagt Svana.
(Download 68kB)
Katja Merx »schiedsrichter, telefon!« es ist samstag. und gerd ist fan.
»schieri, dein auto brennt!«, fällt auch schiller mit ein. schiller ist gerds kumpel. jeden samstag steht schiller mit sechs bierdosen in der hand vor gerds tür und verlangt einlass. denn samstag wird fußball geguckt. da führt kein weg dran vorbei. das ist tradition. und traditionen werden nicht gebrochen.
»hast du das gesehen, schiller! das war foul!« gerd wuchtet sich aus seinem fernsehsessel aus lederimitat. (Download 92kB)

Christian Friedrich Sölter
"Meine Jugend verbrachte ich mit Wonne auf dem Bolzplatz: Gekickt wurde in allen Konstellationen, die ein spannendes und offenes Spiel erwarten ließ. Fünf Kleine gegen drei Große, Fünf gegen Vier, Acht gegen Acht und so weiter.
Kam es aber wegen Personalmangel zu der an sich tödlichen (keine vernünftige Mannschaftsbildung möglich)  Dreierbesetzung, wurde das Spiel wie folgt gespielt: gespielt wurde auf ein Tor, der Torwart war neutral, die anderen beiden spielten Eins gegen Eins. Drei Ecken – ein Elfer. Schusskraft zählt! ..." (Download 140kB)

Tobias Kunze
"Im Schlafraum der Großstadt wird mit Gesten und Geräuschen kommuniziert. Oder: Wer ’ne kostenlose Freakshow erleben will, der wandle des Nachts zum Hauptbahnhof.
Gegen 3 Uhr 56 am Sonntagmorgen saß ich wieder mal auf dem hannoverschen Hauptbahnhof fest. Ich wohnte in Lehrte und der erste Zug fuhr um Fünf. Außer mir war nur ein von der Sperrstunde auf den Heimweg erbrochenes Rudel Discoasseln unterwegs ..." (Download 60kB)

Helmut Gürlebeck
"Sie gehören zusammen. Sie sind ein Geheimnis. Für die anderen. Sie leben ihre Träume. Täglich. Alltägliche. Gemeinsam. Eines Tages. Stunden zählen sie nicht. Sie schlendern sich berührend in Richtung Zentrum ihrer Stadt. Lachend. Im Sonnenschein. Sie gehen nur, wenn Sonne scheint. Sie möchte das so. Er macht das mit. Er mag sie.
Sie trägt bei Sonnenschein dann immer eine Brille. Nicht wegen der Sonne. Keiner soll ihre Augen sehen. Sie möchte das so. Er macht auch das mit. Er mag sie eben..." (Download 55kB)


„›Aus einem Zimmer in Linden-Limmer‹, das sollten Sie so nicht einfach schreiben! Linden und Limmer waren sich mal spinnefeind! Da gab es Schlachten zwischen den Stadtteilen, mit Spaten und Stöckern, das glaubt man ja heut nicht mehr, also nee, so was von spinnefeind waren die“, eröffnete mir ein älterer Herr nach einer Lesung meines Büchleins LINDEN CALLING.
Sichtlich erregt über vergangene Ereignisse schilderte er mir daraufhin einen Kampf zwischen verfeindeten Männercliquen. (Download 61kB)

Christine Schreiber: Schweinkram auf dem Gottesacker
"Na das war ja eine Überraschung. Heute, auf meinem Spaziergang durch Halle an diesem sonnigen Sonntag Nachmittag gab es ganz viel Sex auf dem Stadtfriedhof. Der Friedhof ist wirklich schön und wird im Moment restauriert. Überall alte, liebevoll gestaltete Grabsteine und ein paar Mauernischen für die wohlhabenderen Stadtbewohner, in denen sich wunderbare Reliefs und Steinsetzarbeiten befinden. Überall zwischen den Gräbern und auf den Pfaden zwischen den Grabreihen blühen kleine blaue Blümchen und durch die umschließende Mauer ist es still und warm." (Download 56kB)
Sara Braunert: Salzwasserkapitän
"Die Luft schmeckt nach geschlucktem Qualm, nach rosaroten Miedern, nach schlechtem Karaokegesang, nach Rotwein in Pappbechern. Frauen schleichen um mich herum, ich spüre ihre Zungen an meinem Hals entlang fahren, ihre Nägel meinen Nacken kratzen. Gänsehautschauer. Plötzlich fasst mir jemand zwischen die Beine, ich wage nicht hinzuschauen, trete ins Leere. Als ich die Augen wieder öffne, ist niemand mehr da. Ichhätteesihmgeraten. Im nächsten Augenblick fühle ich mich wie ein Held, so viele Frauen hatte ich noch nie um mich herum. (Download 75k)
Johannes Weigel: Mücken
"Ich mochte es, wenn sie sich mit dem Rücken zu mir drehte, und ich mochte es vor allem dann, wenn sie nichts anhatte, so wie jetzt (...). Ich mochte. Ich mochte vor allem ihr gesamtes Relief, angefangen im schlanken Tal der Poebene des Halses über die alpin aufragenden Schultern, welche langsam über die Rippenmoränen und Bauchsander abflachten hin zur Taille, dem Urstromtal meiner Sehnsüchte, wo ich allein aus allegorischen Gründen jetzt einen Tropfen Massageöl »Oriental« in Richtung Schwarzes Meer fließen lassen musste." (Download: 68kB)
Sigrid Hunold-Reime: Draußen am See
"Es war viel zu trocken. Blumen brachen am Morgen aus ihren Knospen und waren schon am Abend verblüht. Wind strich die ersten welken Blätter aus den Bäumen, mitten im Juli. Die Trockenheit und die Hitze passten nicht zu uns, nicht hierher, und sie machte uns träge. Nur Cleo nicht. Ich stellte mich mit dem Rücken zum Ventilator. Heiner würde erst in einer Woche Urlaub bekommen. Die Kinder begannen sich bereits zu langweilen und Cleo wollte draußen am See zelten. Ich begann unsere Sachen zu packen..." (Download: 56kB)
Oskar Ansull: In einem Dorf bei La Mancha
"Ich muss kalkweiß im Gesicht sein. Die Stewardess schließt mir den Sicherheitsgurt, drückt auf einen Knopf und kühler Luftzug läßt mich aufatmen. Sie schiebt mir noch eine Tüte unter den rechten Arm. Das Flugzeug beginnt zu rasen, hebt ab, steigt und steigt durch die Wolken hinauf ins Licht. Langsam löst sich der Druck in der Magengrube. Ich wage einen Blick hinaus. Stella, ich werde dir schreiben, es versuchen, sage ich mir, noch immer in Aufruhr. Weit unten fährt der in Madrid versäumte Reisebus nach Barcelona. Schlängelt sich durch die Berge. Ich werde vor ihm da sein..." (Download: 56kB)
Cornelia Anhelm: Fernweh
"Die Umgebung war perfekt. Ein Dickicht aus Musik, Stimmengewirr, gedämpfter Beleuchtung, Rauch. Ein kleiner Tisch hinter zwei Säulen, umständlich zu erreichen, von der Kellnerin meist übersehen. Der Schaum in dem Bierglas vor Martha trocknete langsam ein. Im Aschenbecher lag neben den Kippen ein nasses Salatblatt. Die Zigarettenschachtel war leer. Martha suchte nach Kleingeld. Sie ging am Tresen vorbei in Richtung Toiletten und bestellte noch ein Bier. Neben dem Zigarettenautomaten hing ein Kondomat, London – gefühlsecht..." (Download 52kB)
Christine Kappe: Begegnung mit Helena "Und ich kann überhaupt keine Musik ertragen. nur das Rauschen der Klimaanlage der benachbarten Kneipe. weil ich mir wie auf einem Schiff vorkomme. ein Schiff bei Nacht. nein: Musik ist mir zur Zeit zu ungenau. ›ein Mann schiebt mit den Füßen Blätter vor sich her.‹ ist das einzige, was ich mir heut aufgeschrieben habe. & konnte Clee erklären, warum ich die Farbe Orange und St. Michaelis so mag. das wußte ich selbst vorher nicht. mir ist es so wichtig, hier zu sein. warum hat mir denn niemand bescheid gesagt. & du. wie konntest du mir so viel Angst machen..." (Download 60kB)
Bodo Dringenberg: Der Kinderhasser
"Der Respekt vor der Kunst sei in Deutschland einzigartig und Kunst sei nicht nur was für die Oberschicht, war kürzlich in der Zeitung zu lesen. - Wie? Was? Respekt vor der Kunst? Das ist doch wohl zum Kreischen! Denn seit ein paar Jahren treten sie da auf, wo wir sonst nur waren: in Galerien, bei Lesungen, in Musikveranstaltungen, bei Tanzaufführungen und in Kinos. Aber auch Kneipenbesuche und Gespräche zu zweit bekommen durch agile Biobrüller erst ihre Würze: Sie versalzen es uns, gründlich! ..."  (Download 60kB)
Peter Düker: Mein Hannover
"Eigentlich bin ich Godshorner. Aber was das Temperament betrifft, ist der Godshorner dem Hanno- veraner sehr ähnlich, der Langenhagener übrigens auch. In allen Fällen erschwert die örtliche Mentalität die Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern – deshalb gibt es hier viele Literaten. Und das ist gut so. Es bedingt ein vernünftiges Kulturangebot, in dessen Rahmen sich nun doch Beziehungen knüpfen lassen, und zwar auf niveauvolle Art und nicht als solidarische Zweckgemeinschaft zum Erhalt irgendeiner Mundart, die an seine Nachkommen weiterzugeben andernorts die Unsitte herrscht..." (Download 56kB)
Matthias Göke: Nie wieder Krieg!
"Doch! Sie existiert, diese Verpflichtung, sich Leute nach Hause einladen zu müssen, den Gastgeber zu mimen. Gelegenheiten gibt es genug. Sei es der jährliche Geburtstag, ein endlich überstandener Umzug, das Bestehen irgendwelcher Prüfungen... Oder aber einfach nur die unüberlegt getätigte Äußerung: "Eigentlich könnte ich mal wieder ’ne Party machen." Kürzlich erst gelang es diesem Satz, unaufgefordert meinen Lippen zu entweichen. In sechsköpfiger Runde stierte man gerade schweigend in die kreative Leere halbvoller Biergläser... (Download 56kB)
Tobias Premper: The story of the Blindtext
"Es war wieder einmal einer dieser verdammten Tage, an denen alle im zweiten Gang unterwegs waren. Am liebsten hätte ich einen Gang runter geschaltet und wäre in meinem feuerroten 74er Mustang mit doppelter Turbodüse auf der Überholspur an ihnen vorbeigezogen. Aber nichts zu machen – die Autobahn war dicht. Es war mittlerweile 11 Uhr durch. Ich saß in der Agentur und hatte noch nicht gefrühstückt. "Dann geh ich mal kurz zum Bäcker", teilte ich meinem Kreativ-Chef mit..." (Download 56kB)



Fliegenköpfe

c/o Matthias Göke
Hahnenstraße 13
30167 Hannover                       eMail: m.goeke@t-online.de


zurück zur Startseite

aktuelle Einladung