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Mitten im
westfälischen Kernland, dort, wo die Bauern am dümmsten und
die Kartoffeln am dicksten sind, steht das Hagener Heimathaus und wer
immer den Heimatsaal des Hagener Heimathauses betritt, wird an dessen
Wänden eine Handvoll Ölgemälde von »E.
Wimmer« hängen sehen: »Rehkitz im Gegenlicht«
heißt eines davon, »Müder Wandersmann« ein
anderes, »Birkengruppe am See« ein drittes.
Es ist nur ein kleiner Teil des Wimmer’schen Œuvres, ich
aber kenne auch den ganzen Rest, denn E. Wimmer war mein
Großvater und er verbrachte seinen Ruhestand mit der Anfertigung
rettungslos kitschiger Heimatbilder, die zeigten, dass sich sein
Kunstverständnis aus denselben bräunlich-völkischen
Quellen speiste wie so viele seiner Ansichten. Den albernen Ausspruch,
Kunst käme von Können und nicht von Wollen – denn sonst
hieße sie ja Wunst, mein Junge – habe ich zum ersten Mal von ihm gehört, und er richtete sich gegen Onkel Ernst.
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Ich
saß auf meinem Balkon und versuchte, eine Klorollenmütze zu
häkeln, als ein lautes Hupen meine Konzentration störte.
Irgendein Autofahrer wollte auf sich aufmerksam machen, weil
ihm irgendetwas missfiel. Und weil es ihm ein Anliegen war, dass alle
Anwohner der Straße davon erfuhren, hupte er noch ein zweites und
drittes Mal.
Ich begann mich zu echauffieren und das war nicht gut, denn ich musste
mir eine positive, offene Stimmung bewahren. Düstere, aggressive
Stimmung übertrug sich sogleich auf die Gestalt der sowieso schon
ziemlich misslungenen Klorollenmütze, eine Auftragsarbeit für
das Büro Fugazzi, von deren Gelingen meine Reputation bei Dr.
Fugazzi nicht unwesentlich abhing. Da jeder Hupton meine Stimmung
weiter verfinsterte, verließ ich die Wohnung, um die Sache zu
klären ...
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Seit
Längerem vollzieht sich ein Wandel in deutschen
Fußgängerzonen. Namen wie Karstadt oder Hertie, welche in
meiner Kindheit Glamour und bezahlbaren Luxus versprüht haben,
verschwinden und an ihre Stelle treten Betonklötze, die durch ihr
dezentralisiertes Produktangebot die Leute in den Wahnsinn treiben. Die
seelenlosen Klötze heißen Shopping Malls und waren bis vor
ein paar Jahren nur den Konsumenten u.s.-amerikanischer Vorabendformate
bekannt. [...]
Der folgende Text beschreibt,
wie ich im Selbstversuch eine Mall betreten und mich in den
einzelnen Segmenten umgeschaut habe. Lesen Sie diesen Text und lassen
Sie sich ihre Angst nehmen oder bestärken Sie Ihre Vorurteile.
Dies ist mein Opfer für die Welt.
Musikalische Untermalung: Black Flag – Gimme, Gimme, Gimme [...]
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Früh
schlafen gehen. Die Balkontür noch offen, kein Geräusch
schaut mehr hinein. Denken, was wird. Er nimmt noch einen Schluck, er
denkt, ich könnte jetzt denken, wofür. Er entscheidet sich
dagegen. Der Mond halbstark irgendwo oben. Morgen zurück zur
Arbeit, zur bekannten Welt. Wie kam es dazu?
Soll ich dich in den Arm nehmen, fragte sie vorhin. Ne, sagte er, er
wusste nicht warum. Sie war ja da, es hätte auch alles gut sein
können. Auf dem Tisch das fast leere Bier, ein Teller mit
Kirschkernen. Ihre Zeitung. Eine Fliege, die immer wieder gegen eine
Fensterscheibe stößt, ein rhythmisches Pochen, aber
erfolglos. Geräusche aus der Küche, das vertraute Drohen des
Wasserkochers, ein sich öffnendes Fenster. Willst du auch einen,
fragt sie, sie fragt es nur so, denkt er, nur so, es ist eine
Randbemerkung im Schweben durch diesen warmen, stimmenklaren Abend.
Früh schlafen gehen, denkt er, einmal früh schlafen gehen.
Und morgen irgendwie anders aufwachen. [...]
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Das
gemeinsame Familienleben beginnt schon lange vor der Geburt des Kindes.
Man ist nie mehr ganz allein mit der Dame seines Herzens. Auch die
werten Mitmenschen lassen es sich nicht neh-men, einen spüren zu
lassen, dass man jetzt Teil eines großen Ganzen ist – und
dass man selbst nicht als dessen wichtigster Part angesehen wird.
»Wie geht es Anita?«, fragt man mich, anstatt zu fragen:
»Wie geht es dir?« Zur Verabschiedung heißt es dann:
»Schönen Gruß an Frau und Kind!« Dann drehen sie
sich wortlos um. Mich begrüßt niemand und niemand lässt
mich grüßen. Manchmal habe ich das Gefühl, unsichtbar
zu sein. Dass wir von jetzt an eine Familie sind, merke ich auch daran,
dass wir viel Zeit miteinander verbringen. Anita und das Kind hocken ja
sowieso immer zusammen, aber manchmal werde auch ich in dieses traute
Beisammensein einbezogen. Zum Beispiel heute: Da ist beim
Geburtsvorbereitungskurs [...]
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Dass
wir uns streiten, ist nichts Neues. Max war ja schon mit der Art
unserer Fortbewegung nicht einverstanden: wenn’s nach ihm
gegangen wäre, wären wir geflogen. Barnie wollte mit dem
Schiff fahren – nur mit Mühe konnte ich die Beiden vom
Zugfahren überzeugen; man zahlt weniger und sieht mehr von Land-
und Stadtschaft; die saugt Barnie jetzt in sich auf, ruhig und am
Fenster. Ich schaue ihn an. Wie er sich freut. »Da«,
»Oh«, »Ein Schiff«, »Lastwagen«.
Natürlich nichts zur Vegetation, die eigentlich Max‘ Thema
ist. Der aber hat die Beine hochgelegt, auf seine obligatorische
Zeitung, aus der vorzulesen er sich weigert, er schläft nicht,
zumindest rückt er immer wieder den Kopf gerade, wenn der zur
Seite sinkt. Er will stolz aussehen. Er ist stolz, und ich vergesse
jedes Mal seine Augenfarbe, was kein Zeichen von mangelnder Liebe
ist. [...] (Download 76 kB) |
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Als
sie damals an jenem denkwürdigen Morgen erwachte, spürte
Sally zum ersten Mal dieses leichte Brennen auf der Stirn. Sie rieb ein
wenig und nahm mit den Fingerspitzen kleine pickeligen Huckel wahr. Im
Badezimmerspiegel sah sie dann die Schriftzeichen. Sie benötigte
noch ein paar Sekunden, um der Umkehrung durch den Spiegel Folge zu
leisten, las und erschrak.
Schlampe stand da. Auf ihrer Stirn. In gerötetem Ausschlag.
Sally wusch und salbte sich, fönte ihre Haare als Scheitel
über die Stirn, versuchte einen Hut, fand ihn jedoch albern und
unangemessen, nahm danach viel Makeup, bekam sofort Juckreiz, entfernte
es wieder und meldete sich anschließend krank. Dann ließ
sie Badewasser ein. ... (Download 75 kB) |
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Florian, du hast dich entschlossen, im Fliegenfalter keinen Text, sondern ein Interview abdrucken zu lassen.
Ja
Was meinst du, sollte ich dich fragen? Welche Antworten sind deine Besten?
Ich weiß nicht, mir wird schon was einfallen, frag einfach.
Du bist der Erste, der hier ein Gespräch einstellt, warum hast du dich für diese
Form entschieden?
Na ja, ich kann fast nach jedem Satz einen Absatz machen, also wenn der
Interviewpartner was einwirft.
Aha.
Dadurch komm’ ich schneller auf die zehn Seiten.
Verstehe. ... (Download 72 kB) |
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Die erste Versuchung des Leander Paul Scholvag
Scholvag, noch recht jung an Jahren / (wie auch wir’s vor Weilen
waren), / Welt noch ohne Zaun und Schranken, / Kopf randvoll mit
Großgedanken / über Hegel, Kant und Zeit, / achtet nicht der
feschen Maid.
»Na du - bist am flosofieren?«, / tat sie Scholvag
kontaktieren. / Paul, gedankentief versunken, / hört erst gar
nicht auf ihr Funken. / Jene, die nach Scholvag gierte, / trotz des
Schweigens insistierte:
»Schöner noch als Großes denken, / ist: einander Liebe
schenken – / kannst mir glauben, smarter Boy!« / Scholvag,
dem dies Denken neu, / stellte fest: Die Deern ist kregel! / und
vergaß Zeit, Kant und Hegel.
Später, so nach zwei, drei Stündchen, / ... (Download 72 kB) |
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Sehr geehrter Präsident Bush, sehr geehrter Herr Kerry!
Aufgewachsen an der Berliner Mauer, ein Kind der deutschen Teilung, Bernd
Seestaedt, Doktor der Informatik, ruft ein Wort in Ihren wogenden
Wahlkampf. Ich liebe Ihr Volk, Ihr Land. Gern erinnere ich mich daran,
morgens mit den Bankern von der Space Needle zur Downtown Seattles
gewandert zu sein, deren fantastische Life Music Scene eben zu Ende
ging. Ich habe schwarze Tränen geweint an jenem schrecklichen
Septembertag.
In Ostberlin, im August 1961 stand mein Geschichtslehrer, 1,50 Meter
hoch, mit seiner »Kalaschnikow« vor einem Haufen
Steinwürfel, den man später den eisernen Vorhang nannte. ... (Download 113 kB) |
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Komisches Ding,
was da seit Neuestem bei uns in der Uni rumsteht. Sieht aus wie ein
Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn: Viereckiger Kasten, Schlitze zum
Reinstecken von Plastikkarten, eine verchromte Tastatur, ein
spiegelglattes Display. Alles in den Farben des inoffiziellen
Hauptsponsors der Universität gehalten: rot-weiß wie
Arbeitsamt. Er passt in das klassizistische Ambiente des
stuckverzierten Universitätsgebäudes in etwa so, wie eine vom
Denken tief zerfurchte Stirn in eine NPD-Wahlkampfveranstaltung,
nämlich gar nicht ... (Download 80 kB) |
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Einmal mehr war Donnerstag.
Und Donnerstags traf ich mich zum Kaffeetrinken mit Josef. Was
zunächst wie das Hobby körperlich und geistig verfallender
Rentenempfänger anmutet hatte seinen Ursprung in der Herkunft
meines besten Freundes. Josef war Exil-Wiener und das, was man in den
lokalen Gasthäusern als Kaffee angeboten bekam, bezeichnete er als
»Brackwasser, das sogar der Klospülung peinlich
wäre«1. Und obwohl Studenten, pflegten wir – wo
möglich – eine Art gehobenen Lebensstils ... (Download 92 kB) |
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Schleppen Sie mir etwa
schon wieder eine Grippe an?«, hatte meine Ärztin gefragt,
bevor sie mich zum zweiten Mal in diesem Monat für eine Woche aus
dem Verkehr zog. War mir beim ersten Mal die Verlängerung des
Weihnachtsurlaubs gar nicht so unwillkommen gewesen, wollte ich diesmal
wirklich gesund werden. Ich stellte meine mit Fruchtsäften, Obst,
Bronchientee und Vitaminbomben gefüllten Einkaufstaschen im Flur
ab und beschloss sogar, die grauenhaft schmeckenden Antibiotika vom
letzten Mal brav aufzuessen, bevor ich mich erschöpft auf das Sofa
rollte. (Download 72 kB) |
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Als
meine Frau mich in diese bestimmte Selbsthilfegruppe schickte, wusste
ich nicht, dass es so besonders interessant werden würde.
»Larry«, sagte sie und zog dabei ihre Augenbrauen fast bis
an ihren Haaransatz, »Larry, geh da doch einfach mal hin.
Vielleicht hilft Dir der Austausch. Vielleicht wirst du wieder wie
früher.« Ich sträubte mich schon etwas, aber wenn
Brandy etwas von mir wollte, dann tat ich meist besser daran, ihr zu
gehorchen. Sie hat da sonst so ihre Mittel, füllt mir
beispielsweise jeden Morgen Rizinusöl in den Kaffee oder versteckt
meinen Lieblingsgolfball. (Download 72 kB) |
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Es
läuft wieder nicht gut. Nein, wahrlich. Es läuft alles seinen
Gang und völlig normal, bis alles stirbt im Normalen. Das Konto
ist gedeckt, die Kollegen sind zufrieden. Das Projekt ist abgeschlossen
und bereits auf dem Weg zum Auftraggeber. Die Sonne grinst mich an, und
auf den Landungsbrücken Hamburgs haben auch die Möwen gute
Laune. Mann, ich könnte jetzt auf der Stelle weg. Den
nächsten Flieger zum Lago Maggiore oder in die Toscana nehmen. Die
Einkaufsläden schauen mich wie Nutten an: ich könnte bei
ihnen Geld loswerden und dafür auf meine Kosten kommen ... (Download 76 kB) |
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oktober –
Mein Name ist Paul. Und ich fühle michwie der erste Mensch auf
dieser Welt. Die Stadt in der ich lebe, erscheint mir
unerträglich. Ich hasse sie, sie ist zu klein für mich und
meine Vergangenheit. Aus der Kanalisation steigt der Kloakenduft der
Ausscheidungen der 500.000 Menschen, die diese Stadt bewohnen. Der
hupende Lärm tausender Kleinwagen, das Geschrei der Betrunkenen
und Wahnsinnigen in der Nacht, unter meinem Fenster liebeskranke Katzen
und nebenan mein Nachbar, der den Pornofilm zu laut gedreht hat. Aber
dann. An einem der vier Dienstage die mir der Okober in diesem Jahr
aufdrängen will, erreicht mich eine Mail von Dir. Und innerhalb
von Stunden entwickelt sich Kommunikation und wir beginnen auf ziemlich
alberne Weise miteinander zu reden. Das ist leicht. ... (Download 112 kB) |
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Nie
hatten meine Schwester Carola und ich etwas so Schönes gesehen
Unsere Nachbarinnen Gloria und Wilma besaßen eine
Schwarzwälder Kuckucksuhr. Die Längsseiten des Häuschens
waren von zauberhaften Pflanzen- und Vogelschnitzereien umrankt und den
Giebel zierte ein stattliches Geweih. Wenn sich die Tür dieses
Zauberwerks öffnete, trat der Kuckuck heraus und verbeugte sich
galant zum Kuckucksruf. Die Besitzerinnen dieses Wunders waren nur
unter ihrem Vornamen bekannt und lebten in der einzigen miteinem Balkon
ausgestatteten Wohnung des Blocks. Der ›Block‹
beherbergte die Unterschicht unserer Kleinstadt und war ansonsten alles
andere als ein luxuriöses Domizil. (Download 112 kB) |
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Blickfotografien,
durch Zufälle von Kopfbewegungen, die durch hastiges
Vorübergleiten in ihrer Regungslosigkeit verschwimmen, das
heißt, nicht sprichwörtlich verschwimmen, sondern vielmehr
verwischen oder zerschwinden, welche oft nur Wortmitschnitte
bruchteiliger Momente zu plakatieren erlauben, lassen das Wahrnehmen
an seine äußersten Grenzen stoßen, da sie beginnen,
Dinge nicht mehr einfach nur für wahr zu nehmen – wahrnehmen
heißt genau genommen nimmer anderes als das – sondern Dinge
wahr sein lassen.
Sie leben nicht wie ein Blickfang, also wie der Einfang eines Blickes,
der ohne zielorientiertes Jagen zufällige Sequenzen erhascht
... (Download 72 kB) |
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Maulwurf
mein Maulwurf wühlt im Gartenlaub / mit Maul und Hand viel Fragen
auf / beständig muss er sich besinnen / denn blicken kann er nur
nach innen / erst reckt er sich in voller Länge / dann kommt er
langsam in die Gänge / und weil er einzeln geht den Gang /
maulosophiert er nächtelang / wenn die Gedanken nicht gut laufen /
wirft er sie alle über’n Haufen / weil er schon sieben
Hügel hat / glaub ich, er ist ein Literat / und weil er mir so
nahe steht / glaub ich, er ist ein Pop-Poet / er bracht heut Nacht vor
meine Tür / den allergrößten Hügel mir / jetzt
kauf ich ihm eine CD / und spiel Tschaikowskys Symphonee (Download 444 kB) |
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Ich war im Fitness-Studio, als ich die SMS von Bösenberg erhielt. »Dreh
’ne Reportage über Einbeinige im Knast, du Eimer, und zwar
bis über-morgen, sonst geht deine Redakteursstelle ans
Praktikanten-Prekariat.«
Der Ton dieser Aufforderung war eindeutig. Bösenberg war vor einer
Woche zum Chefredakteur befördert worden und ließ seither
keine Gelegenheit aus, dies herauszustreichen. Auf der
Redaktionskonferenz Anfang der Woche war das Thema Mit einem Bein im
Knast eines unter vielen möglichen für unser
Boulevardmagazin, aber was Bösenberg jetzt damit vorhatte, war
gelinde gesagt etwas anderes, wenn nicht gar »waghalsig« zu
nennen ... (Download 120 kB) |
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»This new
century keeps bringing me down.« Ja, ich weiß. Ja, ich habe
diese Zeile von Robbie Williams geklaut. Aber dieses verkackte
Jahrhundert macht auch dich fertig. Das hast du mir mal gesagt. Und
dann hast du gesagt, wir sollten tanzen gehen. Ich lächele dich
an. Da sitze ich, die geklaute Krawatte mit Pinguinen und Schweinen
drauf um den Hals gebunden, auf dem Stuhl am Rand der Tanzfläche
und ich lächele dich an.
Dabei kann ich eigentlich überhaupt nicht gut falsch lächeln.
Ich reiße dann meine Augen so weit auf, wie es geht, und ziehe
einfach die Mundwinkel in Richtung Ohren, bis das Fleisch sich fast
hinter den Backenzähnen nach innen wickelt ... (Download 64kB) |
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Ihr
alten Drecksärsche möchte ich über die Wiese
brüllen, wenn ich sehe, wie sie da zu zweit oder in kleinen und
großen Gruppen aufeinanderhängen und sich amüsieren
beim Frisbee- oder Hackesackspielen oder einfach nur chillen. Ihr
Ärsche, denke ich, weil ich hier schon den ganzen Tag allein im
Park sitze, obwohl meine Decke noch Platz hätte für ein paar
Freunde, die ich aber anscheinend nicht habe. Ich sitze da also auf
meiner Decke, die Beine untergeklemmt, den Blick in die Ferne
streifend, beobachtend, sehe die Leute, wie sie sich ein Bier aufmachen
und den Joint rumreichen und kann den Anblick nur schwer aushalten. (Download 68kB) |
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Herbst.
Allein das Wort.
Den fang ich immer mit Geburtstag an. Herbst dagegen ist
Frühling
Magerquark. Na klar, die Wolken, das Grau, ja, der Regen. Aber auch die
satten Äpfel, die man auf Märkten suchen geht und die
die
Vorjahreszeit in sich aufgespeichert haben, die man sich jetzt
würzig und süß in den Kopf beißen
und auf der
Zunge zergehen lassen kann. Herbst, das ist die Sommerernte. Im Herbst
sitzen, Beine auf dem Tisch und den Gaumen voll Spätsommer.
Halt mal das Maul und mach die Nase auf, sagt Svana. (Download 68kB) |
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»schiedsrichter,
telefon!« es
ist samstag. und gerd ist fan.
»schieri, dein auto brennt!«, fällt auch
schiller mit ein. schiller ist gerds kumpel. jeden samstag steht
schiller mit sechs bierdosen in der hand vor gerds tür und
verlangt einlass. denn samstag wird fußball geguckt. da
führt kein weg dran vorbei. das ist tradition. und traditionen
werden nicht gebrochen.
»hast du das gesehen, schiller! das war foul!« gerd
wuchtet sich aus seinem fernsehsessel aus lederimitat. (Download
92kB)
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"Meine
Jugend verbrachte ich mit Wonne auf dem Bolzplatz: Gekickt wurde in
allen Konstellationen, die ein spannendes und offenes Spiel erwarten
ließ. Fünf Kleine gegen drei Große,
Fünf
gegen Vier, Acht gegen Acht und so weiter.
Kam es aber wegen Personalmangel zu der an sich tödlichen
(keine vernünftige Mannschaftsbildung
möglich) Dreierbesetzung, wurde das Spiel
wie folgt gespielt:
gespielt wurde auf ein Tor, der Torwart war neutral, die anderen beiden
spielten Eins gegen Eins. Drei Ecken – ein Elfer. Schusskraft
zählt! ..." (Download
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"Im
Schlafraum der Großstadt wird mit Gesten und
Geräuschen kommuniziert.
Oder: Wer ’ne kostenlose Freakshow erleben will, der wandle
des Nachts zum
Hauptbahnhof.
Gegen 3 Uhr 56 am Sonntagmorgen saß ich wieder mal auf dem
hannoverschen Hauptbahnhof fest. Ich wohnte in Lehrte und der erste Zug
fuhr um Fünf. Außer mir war nur ein von der
Sperrstunde auf den Heimweg erbrochenes Rudel Discoasseln unterwegs
..." (Download
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"Sie gehören
zusammen. Sie sind ein Geheimnis. Für die anderen. Sie leben
ihre Träume. Täglich. Alltägliche.
Gemeinsam. Eines Tages. Stunden zählen sie nicht. Sie
schlendern sich berührend in Richtung Zentrum ihrer Stadt.
Lachend. Im Sonnenschein. Sie gehen nur, wenn Sonne scheint. Sie
möchte das so. Er macht das mit. Er mag sie.
Sie trägt bei Sonnenschein dann immer eine Brille. Nicht wegen
der Sonne. Keiner soll ihre Augen sehen. Sie möchte das so. Er
macht auch das mit. Er mag sie eben..." (Download
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„›Aus
einem Zimmer in Linden-Limmer‹, das sollten Sie so nicht
einfach schreiben! Linden und Limmer waren sich mal spinnefeind! Da gab
es Schlachten zwischen den Stadtteilen, mit Spaten und
Stöckern, das glaubt man ja heut nicht mehr, also nee, so was
von spinnefeind waren die“, eröffnete mir ein
älterer Herr nach einer Lesung meines Büchleins
LINDEN CALLING.
Sichtlich erregt über vergangene Ereignisse schilderte er mir
daraufhin einen Kampf zwischen verfeindeten Männercliquen. (Download 61kB)
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"Na
das war ja eine Überraschung. Heute, auf meinem Spaziergang
durch Halle an diesem sonnigen Sonntag Nachmittag gab es ganz viel Sex
auf dem Stadtfriedhof. Der Friedhof ist wirklich schön und
wird im Moment restauriert. Überall alte, liebevoll gestaltete
Grabsteine und ein paar Mauernischen für die wohlhabenderen
Stadtbewohner, in
denen sich wunderbare Reliefs und Steinsetzarbeiten befinden.
Überall zwischen den Gräbern und auf den Pfaden
zwischen den Grabreihen blühen kleine blaue Blümchen
und durch die umschließende Mauer ist es still und warm." (Download 56kB)
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"Die
Luft schmeckt nach geschlucktem Qualm, nach rosaroten Miedern, nach
schlechtem Karaokegesang, nach Rotwein in Pappbechern. Frauen
schleichen um mich herum, ich spüre ihre Zungen an meinem Hals
entlang fahren, ihre Nägel meinen Nacken kratzen.
Gänsehautschauer. Plötzlich fasst mir jemand zwischen
die Beine, ich wage nicht hinzuschauen, trete ins Leere. Als ich die
Augen wieder öffne, ist niemand mehr da.
Ichhätteesihmgeraten. Im nächsten Augenblick
fühle ich mich wie ein Held, so viele Frauen hatte ich noch
nie um mich herum. (Download
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"Ich mochte es, wenn sie sich mit
dem Rücken zu mir drehte, und ich mochte es vor allem dann,
wenn sie nichts anhatte, so wie jetzt (...). Ich mochte. Ich
mochte vor allem ihr gesamtes Relief, angefangen im schlanken Tal der
Poebene
des Halses über die alpin aufragenden Schultern, welche
langsam über die Rippenmoränen und Bauchsander
abflachten hin zur Taille, dem Urstromtal meiner Sehnsüchte,
wo ich allein aus allegorischen Gründen jetzt einen Tropfen
Massageöl »Oriental« in Richtung Schwarzes
Meer fließen lassen musste." (Download:
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"Es war viel zu
trocken. Blumen brachen am Morgen aus
ihren Knospen und waren schon am Abend verblüht. Wind strich
die ersten
welken Blätter aus den Bäumen, mitten im Juli. Die
Trockenheit
und die Hitze passten nicht zu uns, nicht hierher, und sie machte uns
träge. Nur Cleo nicht. Ich stellte mich mit dem
Rücken zum Ventilator. Heiner würde erst in einer
Woche Urlaub bekommen. Die Kinder begannen sich
bereits zu langweilen und Cleo wollte draußen am See zelten.
Ich begann
unsere Sachen zu packen..." (Download:
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"Ich muss
kalkweiß im Gesicht sein. Die Stewardess schließt
mir den Sicherheitsgurt, drückt auf einen Knopf und
kühler Luftzug läßt mich
aufatmen. Sie schiebt mir noch eine Tüte unter den rechten
Arm. Das
Flugzeug beginnt zu rasen, hebt ab, steigt und steigt durch die Wolken
hinauf
ins Licht. Langsam löst sich der Druck in der Magengrube. Ich
wage einen
Blick hinaus. Stella, ich werde dir schreiben, es versuchen, sage ich
mir,
noch immer in Aufruhr. Weit unten fährt der in Madrid
versäumte
Reisebus nach Barcelona. Schlängelt sich durch die Berge. Ich
werde
vor ihm da sein..." (Download:
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"Die
Umgebung war perfekt.
Ein Dickicht aus Musik, Stimmengewirr, gedämpfter Beleuchtung,
Rauch. Ein kleiner Tisch hinter zwei Säulen,
umständlich zu erreichen, von der Kellnerin meist
übersehen. Der Schaum in dem Bierglas vor Martha trocknete
langsam ein. Im Aschenbecher
lag neben den Kippen ein nasses Salatblatt. Die Zigarettenschachtel war
leer. Martha suchte nach Kleingeld. Sie ging am Tresen vorbei in
Richtung Toiletten und bestellte noch ein Bier. Neben dem
Zigarettenautomaten hing ein Kondomat, London –
gefühlsecht..." (Download
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"Und ich kann
überhaupt keine Musik
ertragen. nur das Rauschen der Klimaanlage der benachbarten Kneipe.
weil ich mir wie auf einem Schiff vorkomme. ein Schiff bei Nacht. nein:
Musik ist mir zur Zeit zu ungenau. ›ein Mann schiebt mit den
Füßen Blätter vor sich her.‹ ist
das einzige, was ich mir heut aufgeschrieben habe. & konnte
Clee erklären, warum ich
die Farbe Orange und St. Michaelis so mag. das wußte ich
selbst vorher
nicht. mir ist es so wichtig, hier zu sein. warum hat mir denn niemand
bescheid
gesagt. & du. wie konntest du mir so viel Angst machen..."
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"Der
Respekt vor der Kunst sei in
Deutschland einzigartig und Kunst sei nicht nur was für die
Oberschicht, war kürzlich in der Zeitung zu lesen. - Wie? Was?
Respekt vor der Kunst? Das ist doch wohl zum Kreischen! Denn seit ein
paar
Jahren treten sie da auf, wo wir sonst nur waren: in Galerien, bei
Lesungen,
in Musikveranstaltungen, bei Tanzaufführungen und in Kinos.
Aber auch
Kneipenbesuche und Gespräche zu zweit bekommen durch agile
Biobrüller
erst ihre Würze: Sie versalzen es uns, gründlich!
..."
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"Eigentlich bin ich
Godshorner. Aber was das
Temperament betrifft, ist der Godshorner dem Hanno- veraner sehr
ähnlich, der Langenhagener übrigens auch. In allen
Fällen erschwert die örtliche Mentalität die
Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern – deshalb gibt es
hier viele Literaten. Und das ist gut so. Es bedingt ein
vernünftiges Kulturangebot, in dessen Rahmen sich nun doch
Beziehungen knüpfen lassen, und zwar auf niveauvolle Art und
nicht als solidarische Zweckgemeinschaft zum Erhalt irgendeiner
Mundart, die an seine Nachkommen weiterzugeben andernorts die Unsitte
herrscht..." (Download
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"Doch!
Sie existiert, diese
Verpflichtung, sich Leute
nach Hause einladen zu müssen, den Gastgeber zu mimen.
Gelegenheiten
gibt es genug. Sei es der jährliche Geburtstag, ein endlich
überstandener Umzug, das Bestehen irgendwelcher
Prüfungen... Oder aber einfach nur die unüberlegt
getätigte Äußerung: "Eigentlich
könnte ich mal wieder ’ne Party machen."
Kürzlich erst gelang es diesem Satz, unaufgefordert meinen
Lippen zu entweichen. In sechsköpfiger Runde
stierte man gerade schweigend in die kreative Leere halbvoller
Biergläser... (Download
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"Es war wieder
einmal einer dieser verdammten
Tage, an denen alle im zweiten Gang unterwegs waren. Am liebsten
hätte ich einen Gang runter geschaltet und
wäre in meinem feuerroten 74er Mustang mit doppelter
Turbodüse auf
der Überholspur an ihnen vorbeigezogen. Aber nichts zu machen
– die
Autobahn war dicht. Es war mittlerweile 11 Uhr durch. Ich saß
in der
Agentur und hatte noch nicht gefrühstückt. "Dann geh
ich mal kurz
zum Bäcker", teilte ich meinem Kreativ-Chef mit..."
(Download
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